SERIE: EINEN TAG LANG OHNE...UHRZEIT

Da haben wir zwischen all den fröhlichen Alltagsabenteuern doch tatsächlich unsere Serie „Einen Tag lang ohne...“ vernachlässigt. Doch auf der Suche nach ein bisschen Achtsamkeit habe ich gestern einen ziemlich konfusen Tag verbracht und muss sagen: ohne Struktur bin ich verloren! Und das ist es eben, was das Wissen über die Uhrzeit mit unserem Tag macht: sie strukturiert ihn, gliedert ihn in Abschnitte, setzt Zielvorhaben und kann gleichermaßen zum Wohlbefinden beitragen, als auch zu Stress führen. So habe ich gestern einer tiefsitzenden Gewohnheit folgend bestimmt 30x auf mein Handgelenk geblickt, 12x den Blick über die Küchentür schweifen lassen und wiederholt (aber erfolglos) mein Handy aus der Tasche herausgeholt und zurückgesteckt. Als Vorbereitung auf das Verzichtexperiment hatte ich nämlich vorsorglich alle Uhren in der Wohnung abgehängt oder überklebt. Da es mir am wichtigsten war herauszufinden, wie es sich anfühlt, die Uhrzeit nicht zu kennen und nicht, wie es sich anfühlt, Termine zu verschwitzen, hatte ich den ganzen Tag freigenommen. Letzteres hätte ich nämlich auch ohne Selbstversuch beantworten können...

Der Tag begann dann trotzdem mit einem Weckerklingeln. Zwar war es nicht mein Wecker der klingelte, sondern der des Alltagsabenteurers neben mir (der weder am Experiment teilnehmen wollte, noch freigenommen hatte), aber wach wurde ich dadurch natürlich trotzdem. Als er das Haus verließ, muss es so halb neun gewesen sein – schätzte ich und schlummerte selig weiter. Als ich das nächste Mal die Augen öffnete, war es draußen schon hell, mein Magen knurrte und mein Kopf schrie nach Kaffee. Also die übliche Morgenroutine vollzogen (Kaffee, Toast, duschen, anziehen) und den Laptop hochgefahren, um ein paar Bilder für den Blog zu bearbeiten und Mails zu beantworten. Ich verspürte bereits jetzt eine leichte innere Unruhe, da ich nicht einordnen konnte, wie viel Zeit schon vergangen war und wie viel ich davon im Internet verschwendet hatte. Mir fehlte klar ein Endziel vor Augen.


Geschätzte Uhrzeit: 11:00 Uhr
Gefühlsstatus: akzeptabel bis unruhig. Kaffee hilft ein bisschen

 

Plötzlich knurrte der Magen wieder. Ein Blick in den Kühlschrank verhieß nichts Gutes, deshalb Jacke angezogen und zum Supermarkt gestapft. Am Gemüseregal verzettelt, weil über mögliche Gerichte für das Mittagessen gegrübelt, dann an der Käsetheke einen Schwatz gehalten, in der langen Schlange an der Kasse ungeduldig geworden – und ZACK! Zeitgefühl verloren...

 

Geschätzte Uhrzeit: irgendwas zwischen 13:00 und 14:30 Uhr.
Gefühlsstatus: unruhig bis ungeduldig, bei steigender Orientierungslosigkeit

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Um wieder Herr der Lage zu werden, sammelte ich folgende mögliche Indizien zur Bestimmung der Tageszeit:

  1. Post im Briefkasten (kommt normalerweise so ab 14:00 Uhr)
  2.  Schulkinder an der Bushaltestelle (wie lange hatte man als Teenie noch mal Schule?)
  3. Obsthändler auf dem Marktplatz langsam am Abbauen (müsste es dann nicht schon später sein?)
  4. Kopf meldet erneut Kaffeedurst (das schwarze Gold wird normalerweise so zwischen 15:00 und 16:00 Uhr zugeführt)

Bei völliger Ahnungslosigkeit wurde erst mal der Magen ruhiggestellt und ein schnelles Nudelgericht gekocht. Zum Nachtisch gab's Kaffee für den Kopf. Draußen wurde es nun langsam dunkel und da ich immerhin wusste, welcher Wochentag gerade ist, wusste ich auch, dass ich abends zum Sport verabredet war. Um 18:45 Uhr um genau zu sein. Doch wann ist bloß dieses 18:45 Uhr? An dieser Stelle gebe ich es offen zu, dass ich ein bisschen geschummelt und mir den Handywecker so gestellt habe, dass er 20 Minuten bevor ich das Haus verlassen musste, klingelte. Doch im Grunde machte es die Situation nicht besser, da ich deshalb anfing, auf das Signal zu warten. Ich konnte überhaupt nicht einschätzen, wie viel Zeit mir bis dahin noch blieb und so wurde ich ziemlich unruhig und konnte mich auf nichts mehr wirklich konzentrieren.


Geschätzte Uhrzeit: äääh, so 16:00 Uhr? Oder 17:00 Uhr? Oder etwa schon 18:00 Uhr???
Gefühlsstatus: nervös. Okay, sagen wir panisch.

Doch dann klingelte es endlich zum Aufbruch. Ich versuchte 20 Minuten zu schätzen und ging auf gut Glück zum Bus. Auf den ich eine Rote-Nase-Länge warten musste. Vor dem Sportverein wartete ich dann auch noch mal eine gefühlte Ewigkeit und spürte eine große Erleichterung, als endlich meine Sportelfreundin mit dem Fahrrad um die Ecke gebraust kam.


Geschätzte Uhrzeit: ziemlich sicher 18:30 Uhr
Gefühlsstatus:  Ich glaube, der Puls wird wieder langsamer.


Der Zappelkurs dauerte 60 Minuten, danach duschen, umziehen, vom Experiment berichten – ja, wie lange braucht man denn dafür so? Normalerweise nehme ich den Bus gegen halb neun zurück. Ich war also wieder im Spiel! Dachte ich zumindest...

 

Geschätzte Uhrzeit: 20:30 Uhr
Gefühlsstatus: okay bis gut


Zufrieden von der körperlichen Betätigung und dem sozialen Kontakt trudelte ich wieder zu Hause ein. Mein Magen verkündete Abendbrotzeit und wurde mit einer Brotzeit belohnt. Doch was nun? Der Alltagsabenteurer-Mitbewohner guckte im Nebenzimmer Fußball, also übte ich Bass (geschätzte 30 Minuten), hörte Musik (sechs Songs mal ca. 4 Minuten ist gleich...), las in meinem Buch (ca. 20 Seiten), wusch ab (15 Minuten? Oder doch 20 Minuten? 25?), langweilte mich (zu lange) - und verlor wieder das Zeitgefühl...


Geschätzte Uhrzeit: hmmmmm
Gefühlsstatus: innere Unruhe und leichte Gereiztheit

 

Genervt ging ich ins Bett. Es war ja schließlich dunkel draußen. Und ich hatte nichts mehr zu tun. Richtig müde war ich nicht, aber trotzdem irgendwie erschöpft. In meinem Kopf war alles ein bisschen konfus, mir fehlte Struktur und ein zeitlicher Leitfaden für den Alltag. Das Gefühl, Zeit zu verplempern und Dinge nicht zu schaffen, hatte mich den ganzen Tag über begleitet. Ich fühlte mich irgendwie gehetzt, weil die zeitliche Orientierung fehlte - alles völlig unnötig, denn ich hatte ja frei und nicht wirklich Dringendes zu erledigen. Doch nicht zu wissen, wann ein Tagesabschnitt anfing und vor allem, wann er endete, machte mich rastlos und nervös. Und die Erkenntnis, dass wir eben nicht ins Bett gehen, wenn der Körper uns signalisiert, dass wir müde sind und Erholung brauchen, sondern weil die Uhrzeit sagt, dass wir uns jetzt besser in die Horizontale begeben, damit wir fit für den nächsten (Arbeits-)Tag sind, half mir auch nicht, für diesen Tag ein zufriedenstellendes Ende zu finden. Dabei konnte auch der Mann jetzt nicht mehr helfen, da er beim Fußballgucken auf der Couch eingepennt war. Das Experiment war also geglückt – denn nun wusste wirklich niemand mehr, wie spät es ist...

 

Geschätzte Uhrzeit: irgendwann zwischen 23:00 und 01:00 Uhr

Gefühlsstatus: konfus, nervös und endlich müde

 

Erkenntnisse des Tages: Schätzen ist nicht so meine Stärke. Geduld auch nicht. Und 20 Minuten fühlen sich kürzer an, wenn man darauf wartet, das Haus verlassen zu können und länger, wenn man draußen in der Kälte steht und sich sehnsüchtig den Bus herbeiwünscht...


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Kommentare: 1
  • #1

    Shirley | live4happiness2day (Samstag, 11 Februar 2017 01:24)

    Sehr spannendes Experiment, vielen Dank für's Teilen. Ich kann mir gut vorstellen, wie schwierig es ist, mit der Ungewissheit umzugehen, gerade wenn du dann auch tatsächlich noch eine Verabredung hattest. Ich wäre wahrscheinlich ganz verrückt geworden. Aber eigentlich wäre es ja mal schön, wenn man dann auch einfach mal entspannen könnte und die Zeit eben so nimmt, wie sie kommt. Vielleicht probier ich das auch mal aus, wenn ich frei habe. :)